Vom Durchhalten zum Durchatmen - unsere Wanderfahrt beginnt
Schon länger hatte ich den Wunsch, mit der Kutsche zu reisen. Das Unterwegssein mit den Tieren tut mir gut. Es erdet und entschleunigt. Der Vorteil mit der Kutsche ist eindeutig der zusätzliche Platz. So ist es auch mit der Familie möglich – alle inklusive Gepäck können mit. Und da unser Spendenlauf schon 2,5 Jahre zurückliegt, war es höchste Zeit. Die Rhön ist schön und es muss nicht weit weg sein, um ein bisschen Erholung zu finden und Energie zu tanken. Ich wollte diesmal gerne entlang des Hochrhöners fahren und fing schon vor zwei oder drei Monaten mit der Planung an. Ein kleines Büchlein mit den Wanderrouten war bestellt und die Streckenabschnitte grob festgelegt.
Allerdings erwies sich die Unterbringung der gesamten Reisegruppe als schwierig, sodass wir von der Hauptroute abweichen mussten. Einfacher als damals beim Spendenlauf war es trotzdem. Wir sind von einem Pferdebesitzer zum nächsten weitergeleitet worden und haben danach die Unterkünfte für uns Menschen und Hermine, unsere Dogge, gesucht.
So standen die Stationen also rechtzeitig fest und der Feinschliff wurde auf die erste Herbstferienwoche verlegt.
Doch bevor es richtig losging, wollte ich alles wieder absagen. Wer unseren Alltag bzw. unsere Meilensteine ein bisschen verfolgt, weiß, dass es immer und unaufhörlich zu tun gibt. Das ist grundsätzlich nicht tragisch, aber hin und wieder entstehen Phasen an der völligen Kapazitätsgrenze. So auch die Tage vor der Reise. Anstatt zu packen, Stall und Weide vorzubereiten, den Hufschutz der Pferde zu organisieren, Kutschen durchzuschauen, Geschirre zu putzen, Pferde schick zu machen, die Route abzufahren und Koppelmaterial an eine Station zu bringen, war ich mit Bergen von Wäsche und einer halben Schlafzimmersanierung beschäftigt. Irgendein unbekanntes Krabbeltier hatte sich im Familienbett breitgemacht und forderte einiges an Handlung. Zudem standen ein Erste-Hilfe-Kurs der Mittleren, ein Fotoshooting, ein Tanzauftritt und berufliche Termine auf der Agenda.
So verstrich die „Vorbereitungswoche“ schneller, als ich gucken konnte, und am Ende war nichts für die geplante Wanderfahrt vorbereitet. Ein mittelschwerer Nervenzusammenbruch und Beziehungsstreit folgten und ich schrieb die Unterkünfte an, um nach den Stornierungsbedingungen zu fragen. Wohl wissend, dass es so kurz vor der Angst wahrscheinlich nicht ohne finanzielle Verluste bleiben würde.
Nach einer weiteren Krisensitzung innerhalb der ältesten Familienmitglieder und dem Wettercheck wurde schließlich doch gepackt und die nötigsten Vorkehrungen getroffen. Ich könnte auch sagen, wir haben nur noch das Möglichste erledigt. Wie wichtig es ist, miteinander zu reden – im besten Fall, bevor alles eskaliert – wurde in dieser Situation wieder deutlich. Auch wenn mich diese Erkenntnis nicht das erste Mal ereilt. Eine konkrete Aufgabenverteilung und das Einfordern von Mithilfe machten es möglich, das Unmögliche noch zu schaffen. Für den Rest hoffte ich auf das Beste und überließ alles Weitere dem Universum.
Danke an dieser Stelle meinen Freundinnen, die sich meiner in meiner Notlage angenommen haben und durch Zuhören und Mitdenken Schadensbegrenzung betrieben.
Gesagt, getan: Sonntagfrüh wurden die Anhänger beladen und zum Mittag ging es Richtung Bayern. Das Wetter hielt, was es versprach: Es begann zu regnen, als wir an einem großen Parkplatz in Bad Kissingen ankamen. Ich musste an unseren vergangenen Spendenlauf vor zweieinhalb Jahren denken, denn auch diesen hatten wir überwiegend im Regen verbracht.
Dank fleißiger Helfer, die unsere Anreise unterstützten, konnten wir alles Gepäck zügig auf die Kutschen verteilen, anspannen und losfahren. Mit dem Hufgeräusch auf der Straße verflog die Anspannung und ich war glücklich. Die grobe Richtung stand fest, es galt, vor Ort geeignete Wege zu finden. Dies überließ ich Tobias, der vorausfuhr.
Schon nach wenigen Kilometern sollten wir auf einem Waldweg rechts abbiegen. Doch der vor uns liegende Trampelpfad erwies sich als ungeeignet für unser Gespann, sodass wir auf dem bisherigen Weg blieben.
Tobias’ innerer Kompass führte uns dann – entgegen der vorgeschlagenen Maps-Route – weiter durch den wunderschönen Herbstwald. Die Wege waren prima für Kutschen und Pferde und auch der Regen hörte nach den ersten Kilometern auf. Thora machte ein Schläfchen und ich führte einen inneren Freudentanz auf. Es hatte tatsächlich noch geklappt und wir fuhren gemeinsam unsere erste Etappe.
Trocken und auch etwas erleichtert erreichten wir nach gut zwei Stunden unser erstes Etappenziel Frauenroth. Alles Gepäck hielt, die Tiere waren wohlauf, die Kinder lebten noch.
Am Ende des kleinen, beschaulichen Örtchens fanden wir unsere Unterkunft für die erste Nacht. Frau Kirchner begrüßte uns sehr herzlich und half beim Entladen unseres Gepäcks. Die Ferienwohnung ist modern und trotzdem sehr gemütlich. Hier sieht man die Liebe zum Detail, denn auch die Herbstdekoration im und ums Haus fiel sofort ins Auge.
Handtuchtiere begrüßten die Kinder und auch der Hund wurde bedacht. Näpfe standen bereit und auf dem Hundekissen gab es ein Begrüßungsleckerli. Für uns ein wunderbarer Empfang.
Wir können die Ferienwohnung „Zur Fliegerbank“ (https://www.fewo-fliegerbank.de/) absolut empfehlen und sind sehr glücklich über diesen tollen Start.
Nachdem unsere Kutschen nun entleert waren, ging es wieder ein Stück hinein in den Ort, denn Billy und Teddy waren bei einer anderen Familie untergebracht.
So zogen sie bei Kathrin Kleinherz ein. Sie holte uns mit ihren Kindern an der Ferienwohnung ab und zusammen fuhren wir zu ihr nach Hause.
Auch hier ein wunderschöner Hof mit Scheune, Stallung und viel Platz. Kathrin hat selbst zwei Pferde und einen Einsteller und hatte für unsere zwei alles vorbereitet. Teddy und Billy fühlten sich ebenfalls wohl und konnten schnell in den Feierabendmodus wechseln. Die Kinder verstanden sich und auch wir kamen nach dem Abspannen kurz ins Gespräch.
Eine ganz warmherzige und hilfsbereite Frau, die uns die Unterbringung unserer Pferde nicht schöner und leichter hätte machen können. Ich bin immer wieder erleichtert, dass wir Menschen begegnen, die fremd sind und trotzdem herzlich. Kathrin wusste nichts von unseren vorangegangenen Strapazen, nichts von meinen Zweifeln und meinem Hadern. Aber sie trägt einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei, mein Gemüt zu beruhigen und mit neuer Zuversicht auf die Reise zu blicken.
Und das sind sie dann, die unscheinbaren Engel des Lebens. Und dafür bin ich dankbar.
Zurück in der Ferienwohnung gab’s eine warme Dusche, gefolgt vom Abendessen und der Routenplanung für den nächsten Tag. Anschließend sind alle ins Bett gefallen.
Fazit: Auch im Chaos gibt es Hoffnung. Und die war eindeutig größer als die Bedenken vorm Losfahren. Mit helfenden Händen und herzlichen Begegnungen war aus dem Durcheinander tatsächlich unser erster Reisetag geworden. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht.








Kommentare