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Vom Wissen zum Bewusstsein

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25. Sept.
8 Min. Lesezeit
Was mir ein kleiner Pirat über das Leben mitgegeben hat


Ich möchte euch heute mitnehmen auf eine besondere Gedankenreise. Sie begann vor mehr als einer Woche und entwickelte sich zu einer der intensivsten, die ich erleben durfte. Sie ist noch nicht zu Ende und dennoch möchte ich euch davon erzählen.

Alles begann mit einer neuen Familie, die Mitte April zu uns kam. Eigentlich ging es an diesem Tag um das jüngste Mitglied, Arno. Er sollte durch die tiergestützte Arbeit bei seiner körperlichen und kognitiven Entwicklung unterstützt werden. Begleitet wurde er von seiner Mama Diana, seinem älteren Bruder Marlo und Claudia vom ambulanten Hospizdienst. Wir lernten uns kennen und ziemlich schnell wurde deutlich, dass auch Marlo Freude an Bolek, unserem Shetlandpony, hatte. Am Ende drehten beide Jungs ihre ersten Runden auf dem Hof.

Fünf Monate später, vergangenen Freitag, laufe ich einen hellen Kiesweg zwischen großen Bäumen entlang. Am Rand liegen die ersten bunten Blätter und es geht ein leichter Wind. Es ist angenehm ruhig, beinahe friedlich. Für einen Moment denke ich, dass dieser Weg fast etwas Märchenhaftes hat. Aber ich laufe auf einen Friedhof. Zu Arnos Beerdigung.

Aus den Lautsprechern vor der Kirche klingt eine leise Melodie. Die Stimmung hier ist traurig, der Zauber des Weges verflogen.

Ich trage mich ins Kondolenzbuch ein und stelle mich zu den Menschen, die sich neben der kleinen Kapelle aufgereiht haben. Dann geht es los. Wir hören Arnos Geschichte. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der es von Anfang an nicht leicht hatte und der trotzdem seinen Weg gegangen ist. Von Entwicklungsschritten, die gefeiert wurden, von Hindernissen, die gemeinsam überwunden wurden, von einer Familie, die mit ihren Aufgaben gewachsen ist. Von einem großen Bruder als Vorbild, von gemeinsamen Erlebnissen, Freunden, Wegbegleitern und ganz viel Leben. Arno liebte Piraten. Mutig, kämpferisch und immer weiter – ja, das passte zu ihm.

Nach sehr berührenden Liedern geht es zum Grab. Luftballons fliegen zum Himmel und es ist Zeit für den letzten Gruß.

Ich hatte eine Strähne von Bolek geflochten und mit einer Feder versehen. Zusammen mit einer weißen Rose stehe ich nun da und verabschiede mich. Die Tränen laufen und ich wende mich danach ungeplant mit einer Umarmung an seine Mama. Ich denke an unsere letzte gemeinsame Zeit auf dem Hof, denn nur einen Tag später stand die Welt für diese Familie still.

Auch zu Marlo hocke ich mich noch kurz und frage, ob wir uns wiedersehen. Er nickt und so gehe ich weiter, um mich zu sammeln.

Wenig später sitze ich im Auto auf dem Weg nach Hause. Aufgewühlt und traurig denke ich noch einmal an die vergangene Therapiestunde. An Arno, wie er Bolek putzt und wir gemeinsam eine Runde draußen drehen. Auf dem Rückweg steigt er ab und führt das Pony trotz seiner Schwierigkeiten beim Laufen. Ganz selbstbewusst läuft er neben seiner Mama zurück zum Stall. Ich schaue den beiden zu und bewundere ihre Art, gemeinsam Aufgaben zu meistern.

Denn Arnos Leben war durch seine Erkrankung an vielen Stellen begrenzt. Und trotzdem bestand es nicht nur aus Grenzen. Es wurde gelebt. Mit Familie, Freude, Begegnungen und mit dem Mut, nicht aus jeder möglichen Gefahr ein Verbot zu machen.

Ich wusste an diesem Donnerstag nicht, dass es unsere letzte gemeinsame Zeit sein würde.

Im Grunde weiß ich natürlich nie, wie lange ich einen Klienten begleite. Menschen kommen und gehen in unserem Leben. Eine Therapie endet, Wege trennen sich. Aber fast wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass das Leben weitergeht. Diese plötzlich eintretende Endgültigkeit veränderte meinen Blick auf diese letzte Begegnung. Immer wieder kam dieser eine Gedanke: „Wenn ich gewusst hätte …“

Denn wenn ich gewusst hätte, dass ich Arno nicht wiedersehe, dann hätte ich mich bewusst verabschiedet. Ich hätte nicht lapidar „Bis nächste Woche“ gesagt, sondern mir Zeit genommen, den Moment des Abschieds wirklich zu leben.

Aber in den meisten Fällen wissen wir nicht, wann wir einen Menschen zum letzten Mal sehen. Und ich möchte auch nicht jede Begegnung mit dem Gedanken verbringen, dass sie die letzte sein könnte. Die Ungewissheit um den Tod soll mir nicht die Freude am Leben nehmen. Vielleicht geht es also gar nicht darum, Menschen so zu begegnen, als könnte es das letzte Mal sein. Vielleicht geht es vielmehr darum, jede Begegnung als das anzusehen, was sie ohnehin ist: einmalig. Unabhängig davon, ob danach keine, eine oder noch hundert weitere folgen.

Für mich war es nicht der erste Verlust eines jungen Menschen im Rahmen meiner therapeutischen Arbeit. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass mich der Tod junger Menschen beschäftigt. Auch hier bei uns gab es gerade in diesem Jahr Unglücke, die eine ganze Gemeinde erschüttert und unendlich viel Leid und Traurigkeit hinterlassen haben. Menschen starben viel zu früh, Familien blieben zurück und plötzlich war da dieses Gefühl, dass die Welt für viele Menschen von einem Moment auf den anderen eine andere geworden ist.

Auch solche Ereignisse haben mich sehr mitgenommen. Aber es ist anders, wenn man einen Menschen selbst gekannt hat. Wenn es gemeinsame Erinnerungen gibt. Wenn man der Familie begegnet und das Geschehene nicht irgendwann wieder in den Hintergrund rückt, sondern einem auch danach immer wieder begegnet.

Der Tod eines Kindes ist für mich besonders schwer zu begreifen. Wir alle wissen, dass unser Leben endlich ist. Und trotzdem scheint dieses Ende in unserer Vorstellung meist weit entfernt. Irgendwann. Später. Im Alter.

Ein Kind steht für uns am Anfang seines Lebens. Da sollte noch so viel kommen. Sein Tod passt nicht in diese selbstverständliche Reihenfolge des Lebens.

Wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, und gehen gleichzeitig wie selbstverständlich davon aus, dass gerade bei jungen Menschen noch sehr viel davon vor ihnen liegt. Wir planen für nächste Woche, nächstes Jahr, irgendwann. Wir verabschieden uns mit einem „Bis bald“ und rechnen fest mit einem Wiedersehen.

Warum brauchen wir erst den Tod, um uns an das Leben zu erinnern?

Niemand muss uns erklären, dass das Leben endlich ist oder dass unsere Zeit wertvoll ist. Wir kennen all diese Sätze: „Das Leben ist kostbar“, „Nutze die Zeit“, „Man lebt nur einmal“. Das ist keine neue Erkenntnis. Wir wissen das alles längst.

Aber warum reicht dieses Wissen manchmal nicht? Warum vergessen wir ausgerechnet etwas so Wesentliches immer wieder im Alltag? Zähneputzen vergessen wir doch auch nicht.

Wir etablieren das banale Zähneputzen bereits, bevor wir richtig sprechen können, und schenken dem Bewusstsein für unser eigenes Leben viel weniger Beachtung. Im Alltag verschwinden die Dinge, von denen wir eigentlich wissen, wie wertvoll sie sind, schnell wieder hinter Routinen, Pflichten, Terminen und allem, was gerade wichtig erscheint.

Dabei will ich nicht behaupten, dass wir es nicht gelernt hätten. Im Gegenteil. Gefühlt kennen wir hundert Floskeln darüber, wie kostbar das Leben ist, wie wichtig Familie und gemeinsame Zeit sind und dass wir jeden Augenblick genießen sollen. Vielleicht geht es also gar nicht darum, was wir wissen oder gelernt haben, sondern darum, welche Wertigkeit wir diesem Wissen in unserem Leben geben.

Und so bin ich in meinen Gedanken wieder bei Arno und seiner Art zu leben. Kinder können etwas, das uns Erwachsenen irgendwann oft abhandenkommt: einfach im Moment sein. Wenn sie spielen, entdecken, lachen oder sich für irgendetwas begeistern, dann ist in diesem Augenblick genau das wichtig.

Kinder wissen nicht, wie kostbar Zeit ist, und leben sie trotzdem. Später, als Erwachsene, wissen wir es – und behandeln sie, als hätten wir unendlich viel davon.

Vielleicht stellt sich also gar nicht die Frage, wie wir unseren Kindern ein bewusstes Leben beibringen. Vielleicht sollten wir viel öfter darauf schauen, was sie uns längst vorleben – und uns fragen, warum wir im Laufe unseres Lebens so vieles andere darüberstellen.

Denn natürlich setzen wir unsere Prioritäten selbst. Aber wir tun das nicht völlig losgelöst von der Welt, in der wir leben. Was wir für wichtig, notwendig und selbstverständlich halten, hängt auch damit zusammen, welche Wertigkeit wir diesen Dingen als Gesellschaft geben.

Arbeiten, leisten, funktionieren und gleichzeitig Familie und Leben irgendwie unter einen Hut bekommen – vieles davon ist für uns so selbstverständlich geworden, dass wir es kaum noch hinterfragen. Wie oft wird alles mit dem Satz „Ich muss“ begründet. Aber oftmals ist es kein Zwang, der dahintersteht. Viele Dinge im Leben sind auch Entscheidungen – und jede Entscheidung bringt ihre Konsequenzen mit sich. Manchmal bedeuten diese weniger Geld oder Sicherheit. Und manchmal bezahlen wir dafür mit etwas, das wir nicht zurückbekommen: unserer Zeit.

Zeit, die Arno nicht mehr hat. Und obwohl sie für seine Familie vermeintlich stillsteht, dreht sie sich unaufhörlich weiter.

Für die einen ist es eine ganz normale Woche, für Arnos Familie beginnt ein anderes Leben.

Natürlich sind wir uns all dieser Schicksale in unserem Alltag nicht ständig bewusst. Wie sollten wir auch? Aber vielleicht können wir bewusster dafür werden, dass sie da sind. Dass hinter einem Menschen, der gerade nicht funktioniert, nicht lacht oder nicht einfach weitermachen kann, eine Geschichte stehen kann, von der wir nichts wissen.

Wir sagen wie selbstverständlich: Trauer braucht Zeit. Aber die Verpflichtungen unseres Lebens nehmen darauf nur wenig Rücksicht. Bei vielen Dingen können wir selbst entscheiden, wofür wir unsere Zeit einsetzen und welche Konsequenzen wir dafür in Kauf nehmen. Trauer ist keine solche Entscheidung. Sie kommt in unser Leben und braucht ihren Platz – unabhängig davon, ob dieser Platz gerade vorgesehen ist.

Ich glaube, wir sollten Menschen in solchen Zeiten besser auffangen. Nicht nur mit Verständnis und lieben Worten, sondern ganz praktisch. Mit Zeit, finanzieller Sicherheit und Menschen, die da sind und bleiben – so lange wie nötig. Wie wertvoll Letzteres ist, erlebe ich durch meine Zusammenarbeit mit dem ambulanten Hospiz immer wieder. Für mich ist das Hospiz längst zu einem wichtigen professionellen Partner geworden – immer dann, wenn das Leben schwer wird. Und das bedeutet nicht nur Sterben und Tod. Sie begleiten Familien mit besonderen Kindern ebenso wie Trauernde. Sie sind da, bieten Begleitung und Unterstützung an – manchmal schon früh im Leben und nicht erst dann, wenn es um den Tod geht.

Kurz nachdem ich von Arnos Schicksal erfahren hatte, war ich froh, an diesem Tag nicht noch fünf Therapien oder Ponyclubstunden vor mir zu haben. Die Nachricht musste sich erst einmal setzen. Meinen Kindern verzieh ich an diesem Tag jeden noch so großen Wutausbruch und verbrachte den restlichen Tag mit Waffeln in ihrer Gesellschaft.

Dann reihte sich ein Tag an den anderen. Ich begrüßte meine Kindergruppe, gab Reitunterricht und teilte schöne Erlebnisse mit meinen Klienten. Ich nahm mit meinem Pferd an einer Veranstaltung teil, die mir Spaß machte. Doch neben all den schönen Dingen dachte ich immer wieder an Arno und seine Familie.

Wie gegensätzlich das Leben doch sein kann. Und immer wieder fragte ich mich, ob es richtig ist, mit meinem Wissen das Leben trotzdem zu genießen, zu lachen und Spaß zu haben. Um mich herum taten die Menschen genau das. Natürlich, denn die wenigsten in meinem Umfeld wussten, was ich wusste.

Darf ich glücklich sein, wenn andere gerade große Traurigkeit empfinden?

Nun, das Leid eines anderen Menschen wird nicht weniger, wenn ich meine eigene Freude verliere. Das bedeutet nicht, dass ich weniger mit Arnos Familie fühle oder vergesse, was sie gerade durchleben. Nur angesichts all meiner Gedanken über den Wert des Lebens wäre es wohl widersinnig, wenn ich jetzt aufhören würde, es bewusst zu erleben.

All diese Gedanken begleiten mich nun schon eine Weile. Arno hat einen wunderschönen Platz unter einem Baum, inmitten seines Heimatdorfes. Die Tage werden vergehen, doch die Erinnerung an den kleinen Piraten wird bleiben. Und vielleicht liegt darin auch ein kleiner Trost bei all der Traurigkeit.

Euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen, war gar nicht so leicht und dennoch ein Bedürfnis. Denn was bleibt am Ende?

Ich habe nichts Neues erzählt. Das Wissen um die Kostbarkeit des Lebens ist in jedem von uns. Die Kunst besteht darin, aus Wissen gelebtes Bewusstsein zu machen. Auch dann, wenn uns nicht gerade der Tod eines lieben Menschen daran erinnert.

Die große Frage ist also: Wie ist das möglich? Wie lässt sich dieses Bewusstsein dauerhaft in den Alltag integrieren? Ich glaube, das kann nur jeder für sich entscheiden. Ich habe kein Allerweltsrezept für ein achtsames, erfülltes und bewusstes Leben. Aber ich weiß wieder, was mir wichtig ist, und versuche, es mir regelmäßig in Erinnerung zu rufen. Denn auch ich laufe Gefahr, den Alltag und all das, was er mit sich bringt, wichtiger zu nehmen als das Leben, das währenddessen stattfindet.

Aber Leben findet nicht irgendwann statt. Nicht nach dem nächsten Termin, wenn die Kinder größer sind, wenn das Haus fertig ist, wenn mehr Geld da ist oder endlich Ruhe eingekehrt ist. Es findet genau dazwischen statt.

Jeder Tag, jede Begegnung mit Kindern, Partnern, Freunden oder Fremden – sei sie noch so banal und beiläufig – ist einmalig.

Vielleicht ist es an der Zeit, weniger für das Leben zu lernen, sondern mehr über das Leben. Ich wünsche mir, dass wir das schaffen.






 
 
 

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