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Was ist, wenn es uns egal wird?

  • kontakt33667
  • 18. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist ein lauer Frühsommerabend.

Spontan schnappe ich mir den Buggy und meine beiden Töchter. Wir laufen einen Weg, den wir in den letzten Tagen häufig gegangen sind. Es ist unsere Runde, in der wir nach den „NagNag und den Bogbogs“ gucken. Vorbei an Gänsen und Enten eines Dorfbewohners und weiter zu den Hühnern des örtlichen Biobetriebes. Dann stehen wir an den Zäunen und gucken, horchen, staunen und verweilen. Irgendwann geht es weiter, zwischen Laubbäumen entlang der Kuhweiden und Wiesen, die sich in der Abendsonne langsam golden färben.

Unser Ziel ist einer der Lieblingsplätze meiner Kinder. Eine Liegebank oberhalb des Ortes. Von dort aus kann man über die Dächer hinweg auf die Hügel und Berge unserer Heimat schauen.

Die Sonne steht tief. Der Wind streicht durch das hohe Gras und der Milan zieht über uns seine Kreise. Zusammen nehmen wir Platz auf der Bank und lassen uns die Abendsonne ins Gesicht scheinen. Wir hören den Traktor, der das frisch gemähte Gras im Silo festfährt, und die Kühe, die aus der Ferne rufen. Die Luft tut gut und für einen Moment fühlt es sich an wie Urlaub.

Die Jüngste zupft im hohen Gras und Talvi entdeckt die vielen Krabbeltiere um uns herum. Ich sitze da und schaue in die Ferne. Wie gut wir es haben, das einfach machen zu können. Und wie dankbar ich dafür bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen Mutter bin. Vielleicht denkt man anders über Heimat nach, wenn man kleine und größere Menschen an der Hand hat. Menschen, denen man all die Dinge zeigen möchte, die die eigene Kindheit so schön gemacht haben. Die Abenteuer in den Feldern, Wiesen und Wäldern, an die ich mich bis heute erinnern kann und die ich meinen Kindern erzähle. Die Freiheit, einfach draußen zu sein.

Und dann frage ich mich: Wie wird dieser Blick in einigen Jahren aussehen?

Werde ich noch auf die vertrauten Höhenzüge der Rhön schauen?

Oder auf ein entferntes Rotorblatt? Werde ich noch die Vögel hören oder das gleichmäßige Geräusch technischer Anlagen? Werden meine Kinder diesen Ort einmal genauso in Erinnerung behalten wie ich?

Diese Gedanken begleiten mich seit einigen Wochen häufiger. Nicht nur wegen der Diskussionen um neue Windvorranggebiete. Sondern wegen der Reaktionen vieler Menschen darauf. In den vergangenen Wochen habe ich Informationsveranstaltungen besucht, Gespräche geführt und Diskussionen verfolgt. Es ging um Windkraft, Regionalplanung, Naturschutz, Landschaften, Heimat und die Zukunft unserer Region. Doch irgendwann ging es für mich gar nicht mehr um Windräder, sondern um die Menschen. Menschen, die sagen: „Das Gebiet ist bei uns raus. Betrifft mich nicht mehr.“ oder „Habe ich mich noch nicht mit beschäftigt.“ Menschen, die sagen: „Man kann sowieso nichts machen, ist doch längst beschlossen.“

Dabei leben wir in einer Region, die von Menschen geprägt wurde, die Verantwortung übernommen haben. Die sich eingebracht, angepackt und mitgestaltet haben. Landwirte, Handwerker, Förster, Vereinsmitglieder und viele andere haben über Generationen hinweg dazu beigetragen, unsere Heimat zu dem zu machen, was sie heute ist.


Unsere regionalen Feste, unser Brauchtum, unsere Vereine und auch der Sport sind wichtige Bestandteile unseres Zusammenlebens. Sie bringen Menschen zusammen, schaffen Gemeinschaft und machen unsere Region lebenswert. Wenn ein Pfingstmarkt stattfindet, Karneval und ein Schlachtfest gefeiert wird oder der örtliche Fußballverein spielt, kommen viele Menschen zusammen. Diese Gemeinschaft macht unsere Region lebenswert. Dennoch frage ich mich, gerade in der aktuellen Zeit mehr denn je, warum wir nicht dieselbe Aufmerksamkeit aufbringen, wenn es um Entscheidungen geht, die unsere Heimat über Jahrzehnte verändern können. Denn dieselben Menschen, die einen Verein tragen, ein Fest organisieren oder ihre Nachbarn unterstützen, scheinen bei Entscheidungen über ihre Region oft zu verstummen. Warum interessieren wir uns oft erst dann für etwas, wenn es direkt vor unserer eigenen Haustür passiert? Warum überlassen wir wichtige Fragen so häufig anderen? Informationen stehen jedem zur Verfügung. Liegt es daran, dass viele Menschen nicht mehr daran glauben, dass ihre Beteiligung etwas bewirken kann?


Ich bin in der Rhön aufgewachsen. Viele von uns sind hier groß geworden. Wir waren draußen. Keine Bildschirme, keine Dauerbeschallung. Sondern Lagerfeuer, Fahrradstürze und dreckige Gummistiefel. Draußen war nicht nur ein Ort. Es war unsere Kindheit. Ich wünsche mir, dass meine Kinder später dieselbe Verbindung zu ihrer Heimat entwickeln. Dass sie lernen, dass Heimat etwas ist, für das man Verantwortung übernehmen darf. Denn genau das ist der eigentliche Sinn – nicht, ob wir für oder gegen Windkraft sind. Sondern ob uns unsere Heimat noch wichtig genug ist, um uns einzumischen!


Während ich all das denke, zupft die Jüngste weiter im Gras und Talvi zeigt mir stolz einen Käfer, den sie entdeckt hat. Für die zwei spielt all das keine Rolle. Regionalpläne, Vorranggebiete, Beteiligungsverfahren – davon wissen sie nichts. Sie genießen einfach den Moment. Irgendwann machen wir uns auf den Heimweg. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Hügeln. Die Kühe sind leiser geworden und auch der Traktor ist längst verstummt. Die Kinder laufen voraus und ich bleibe kurz stehen und schaue noch einmal zurück. Auf die Bank, die Wiesen und auf die Hügel unserer Heimat. Mir wird bewusst, dass es am Ende nicht nur um Windkraft geht. Sondern um die Frage, was wir bereit sind zu bewahren. Für uns und für die, die nach uns kommen. Denn wenn uns unsere Heimat egal wird, haben wir bereits etwas verloren, das weit über jede politische Entscheidung hinausgeht.



 
 
 

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